Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Festgäste,
ich begrüße Sie herzlich zur Verleihung des Benediktpreises: Eine besondere Auszeichnung
für eine außergewöhnliche Preisträgerin: Frau Prof. Nicola Leibinger-Kammüller.
Ich begrüße auch die Gäste von Bundes-, Landes- und lokaler Ebene, Herrn Dr. Erdland
als Laudator sowie die Mitglieder von Vorstand und Kuratorium des Vereins „Benediktpreis
von Mönchengladbach“. Ganz besonders freue ich mich, dass Bürgermeisterin Yolanda
Hoogtanders von unserer Partnerstadt Roermond ebenfalls am Festakt teilnimmt.
Herzlichen Dank dem Streichquartett der Musikschule unserer Stadt für den ruhigen Auftakt
mit viel Ausdruck sowie der Gladbacher Bank für die wertvolle Unterstützung.
Liebe Frau Prof. Leibinger-Kammüller, lieber Herr Dr. Kammüller, ich heiße Sie herzlich
willkommen in „Mönchen-Gladbach“. Einer Stadt, die uns schon mit ihrem Namen als
sichtbares Zeichen an die Benediktinermönche erinnert, die vor mehr als tausend Jahren
hierher kamen und auf dem Abteiberg ein geistliches Zentrum begründeten. Auf eben jenem
Abteiberg, auf dem wir uns gerade befinden. Vielleicht spüren wir etwas von diesem
geistigen Erbe, von dieser Atmosphäre, wenn wir uns darauf gedanklich ein wenig einlassen.
Mit der Gründung der Abtei St. Vitus im Jahr 974 wurde ein Ort geschaffen, aus dessen
Umfeld sich unsere Stadt entwickelte. Ohne Mönche keine Stadt. Zumindest nicht an
dieser Stelle und nicht in dieser Form. Wir haben den Benediktinern viel zu verdanken.
Sie haben Mönchengladbach über mehr als acht Jahrhunderte geprägt – geistig und kulturell,
wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die Abtei war ein Ort des Glaubens, aber
ebenso ein Ort des Wissens, der Arbeit, des Bewahrens und der Gestaltung. Und wenn
wir heute auf diese Geschichte zurückblicken, dann tun wir das nicht mit dem Wunsch,
vergangene Zeiten wiederherzustellen. Wir tun es, weil Geschichte uns etwas über die
Werte erzählen kann, aus denen Gemeinschaften entstehen. Und uns Orientierung geben
kann. „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ – so drückt es der Historiker und Kulturwissenschaftler
Jörn Rüsen aus.
Das Besondere an den tradierten Werten ist, dass sie auch heute noch gelten. Denn für
die Grundwerte menschlichen Zusammenlebens gibt es kein Verfallsdatum. Sie gelten
universell. Und verbinden uns mit Generation vor – und ich hoffe auch: – nach uns.
Werte, auf die man sich verständigt – ob in der Firma, der Familie oder der Gesellschaft –
muss man auch nicht immer wieder neu diskutieren. Das schafft eine sichere Basis, auf
der alle agieren können. Und wenn sich alle daran halten, gibt das Vertrauen, Zuversicht
und einen engen inneren Zusammenhalt. In Ihrer Familie, sehr geehrte Frau Leibinger-
Kammüller ist es eine – ich glaube – lederne Mappe, in der der Familienkodex zusammengefasst
ist, und die jedes Familienmitglied mit 16 Jahren feierlich überreicht bekommt
und unterschreibt. Ein wunderbares Symbol für die Tradierung von Werten und ihr
Lebendighalten.
Vielleicht ist es gerade die benediktinische Tradition, die uns daran erinnert, dass eine
Gesellschaft mehr braucht als das Streben des Einzelnen. Sie braucht Gemeinschaft. Sie
braucht Verantwortung. Sie braucht Maß. Sie braucht Bildung und Kultur. Und sie
braucht die Bereitschaft, etwas zu bewahren, das uns anvertraut wurde – und zugleich
den Mut, es weiterzuentwickeln. Das ist eine Botschaft, die weit über die Grenzen einer
religiösen Tradition hinausweist. Denn auch eine moderne, offene, säkulare und vielfältige
Stadt lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.
So betrachtet sind unsere benediktinischen Wurzeln kein Blick zurück. Sie sind ein Auftrag
nach vorn. Ein Auftrag, uns daran zu erinnern, dass eine Stadt mehr ist als ihre Gebäude,
ihre Straßen und ihre Verwaltung. Eine Stadt ist eine Gemeinschaft von Menschen,
die eine gemeinsame Geschichte haben, und die gemeinsam nach vorne schauen.
Gerade darin liegt die zeitlose Kraft unseres benediktinischen Erbes. Oder anders ausgedrückt:
Bewahren, was trägt. Verantworten, was uns anvertraut ist. Und den Mut haben,
Zukunft zu gestalten.
Und hier wird aus dem Blick zurück der Blick nach vorne. Als Stadt im Strukturwandel
nimmt Mönchengladbach eine bedeutsame Rolle im Rheinischen Revier ein. Mit Projekten
der Wirtschaftsförderung, Entwicklung und Innovation, Bildung und Ausbildung, Klimafolgenanpassung
und nachhaltigem Stadtumbau, Energie-, Wärme- und Mobilitätswende
investieren wir dank öffentlicher Förderung und privater Initiative einen dreistelligen
Millionenbetrag allein in den kommenden Jahren. Während das Münster mit dem
Rathaus Abtei für die benediktinische Tradition stehen, werden beispielsweise der Wissens-
und Innovationscampus, die Textilfabrik 7.0 und der spätere Tagebaurestsee Orte
des verantwortlichen und wertegebundenen Umgangs mit den Herausforderungen der
Zukunft sein.
Genau hier setzt der Benediktpreis an: Er greift dieses historische Erbe auf, führt es in
unsere Zeit, gibt ihm eine zeitgemäße Ausdrucksform. Er trägt dazu bei, die Werte, die
mit dieser Tradition verbunden sind, lebendig zu bewahren und zugleich in die Zukunft
weiterzutragen.
Die benediktinische Tradition zeigt uns auch, dass geistige Werte und wirtschaftliches
Handeln keine Gegensätze sein müssen, denn die Abtei war auch ein wirtschaftlicher Akteur
mit Landbesitz, Höfen, Mühlen und weiteren Einnahmequellen. Die Benediktiner
standen dabei für Maß, Ordnung, Verantwortung und die Achtung der Schöpfung. Wirtschaft
ist kein wertfreier Raum. Das christliche Menschenbild, dem auch Sie sich, liebe
Frau Leibinger-Kammüller, sehr verpflichtet fühlen, setzt einen wichtigen Kontrapunkt zu
einer rein ökonomischen Betrachtung: Der Mensch ist nicht in erster Linie Arbeitskraft,
Kunde, Konsument oder Kostenfaktor. Er besitzt eine unveräußerliche Würde.
Die Wirtschaft ist dann zukunftsfähig, wenn sie dem Menschen dient – und nicht der
Mensch allein der Wirtschaft. Unternehmertum lebt von Mut, Eigeninitiative und Freiheit.
Einer Freiheit, für die der Staat die Rahmenbedingungen schaffen müssen. Ein Prinzip
der christlichen Soziallehre bietet auch für eine moderne Wirtschaft interessante Leitgedanken:
Subsidiarität. Menschen und Unternehmen sollen möglichst eigenverantwortlichhandeln
können. Der Staat kann und muss nicht alles an sich ziehen. Aber Freiheit
braucht auch Verantwortung – und Solidarität.
Sie, verehrte Frau Leibinger-Kammüller, leben diese Verantwortung als Vorsitzende der
Geschäftsführung und Anteilseignerin des weltweit agierenden Maschinenbauunternehmens
Trumpf Group in Baden-Württemberg. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren
zum Beispiel von elterngerechten Arbeitsbedingungen durch ein spezielles, flexibles
Arbeitszeitmodell. Ihre Erfahrungen als berufstätige Frau, Mutter von vier Kindern
und Managerin gleichzeitig haben auch ihren Führungsstil geprägt.
Sie haben Ihr internationales Unternehmen, das immer noch ein Familienunternehmen
ist und es auch bleiben soll, mit klaren, transparent kommunizierten Entscheidungen
auch durch Krisen geführt: Wirtschaftskrise oder Corona. Niemanden haben Sie in der
Zeit entlassen, stattdessen vorausschauend viel Geld – auch privates – in die Hand genommen
und die Zeit genutzt, um Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezielt Fortbildungen
anzubieten. Das war ein enormer Erfolgsfaktor. Und die Kontinuität in der Firmenführung
ein Stabilitätsfaktor.
Auch außerhalb des Unternehmens sind Sie vielfältig engagiert. Ihre Expertise ist sehr
gefragt. Sie wurden deshalb schon ausgezeichnet für Ihre Verdienste um eine faire und
transparente Unternehmens- und Führungskultur, für Ihren persönlichen Einsatz in den
Bereichen Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft sowie Ihr bürgerschaftliches Engagement.
Als promovierte Literaturwissenschaftlerin sind Ihnen aber auch Kunst und Kultur
eine Herzensangelegenheit. Ihre Wirkungskraft ist enorm.
Sie verbinden den Mut der Unternehmerin mit der Verlässlichkeit Ihres Handelns. Ihre
Leistungsbereitschaft ist eng mit solidarischen Gedanken verbunden und Ihre Innovation
trägt immer den Stempel der Verantwortung. Außerdem verfolgen Sie eine Unternehmensphilosophie,
in der Vertrauen ein wichtiges Kapital ist. Vertrauen darauf, dass ein
Wort etwas gilt. Dass Ihr Unternehmen zu seiner Verantwortung steht. Dass Führungskräfte
ihre Macht nicht missbrauchen. Dass Vertragspartner trotz Wettbewerb fair behandelt
werden. Vertrauen ist vielleicht das älteste und zugleich wertvollste Kapital unserer
Wirtschaft. Es lässt sich nicht an der Börse handeln. Es muss jeden Tag neu erworben
werden. Und das tun Sie, liebe Frau Leibinger-Kammüller, sehr erfolgreich.
Sie denken wirtschaftliche Stärke immer auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher
Verantwortung. Das ist im besten Sinne christlich. Das ist auch zutiefst europäisch. Und
es ist eine Haltung, die für eine moderne, weltoffene Gesellschaft von bleibender Bedeutung
ist. Herzlichen Dank – auch im Namen des Heiligen Benedikts.