Laudatio von Dr. Alexander Erdland, früherer Vorstandschef der Wüstenrot & Württembergische AG für Frau Prof. Dr. Nicola Leibinger-Kammüller
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren, werte Preisträgerin, die es ja
in diesem Augenblick noch nicht ist, aber gleich sein wird. Ich nehme das einfach schon einmal
vorweg. Wer sich mit Benedikt von Nursia, dem Gesegneten, beschäftigen will, stößt auf die
zwei bedeutenden Dokumente: auf die Regula, die Benediktus-Regel, als erste und wohl
maßgeblichste Mönchsregel des Abendlandes, aus dem sechsten Jahrhundert mit Wirkung bis
heute, und auf das zweite Buch der Dialoge von Papst Gregor dem Großen aus den Jahren
593/594, das ganz dem lehrreichen Weg des Mönchsvaters gewidmet ist, von Nursia im
umbrischen Apennin bis zum Monte Cassino in Latium und das sein Leben und Handeln als
vorbildlich preist im Sinne des christlichen Evangeliums. Auf diesen Bezug zum Namens- und
sicherlich auch Sinngeber des heute zu überreichenden Preises an Frau Professor Dr. Nicola
Leibinger-Kammüller möchte ich später in meiner Laudatio für sie zurückkommen. Hier in
Mönchengladbach, dessen Ursprung bekanntlich von einer Benediktinerabtei auf einem Hügel
am Gladbach ausgeht.
Denn mit genau diesem besonderen Preis wird Frau Leibinger-Kammüller heute ausgezeichnet,
nach schon anderen ehrenvollen Preisverleihungen und fortwährenden öffentlichen
Bekundungen hoher Wertschätzung, die ich zunächst zusammengefasst wiedergeben will.
Da ist zuerst die energische und motivierende Chefin des Spitzenunternehmens Trumpf in
Ditzingen bei Stuttgart, 1923 gegründet. Regelmäßig erläutert sie die Ergebnisse und
Herausforderungen des Unternehmens ihrer Familie mit seinen Führungskräften und
Beschäftigten. Trumpf kommt vom klassischen Maschinenbau und hat sich immer wieder
weiterentwickelt hin zum heute führenden Hochtechnologiekonzern mit unterschiedlichen
Anwendungsfeldern, etwa im Automobilbereich, bei Chipprodukten, bis zur Produktion von
Industrielasern. Und das seit 21 Jahren mit einer promovierten Philologin an der Spitze, für die
sich der weitblickende Vater unserer Preisträgerin als seine Nachfolgerin seinerzeit
ausgesprochen hat. Damit mussten einige, vor allem auch Ehemann und Bruder als zwei
studierte Maschinenbauer erst einmal zurechtkommen. Diese mutige Personalentscheidung hat
sich als weise herausgestellt, ein sichtbar gelungenes Experiment, wobei fairerweise
anzuerkennen ist, wie ausschlaggebend das erstklassige Ingenieurwissen um die Chefin herum
für die beeindruckenden Erfolge von Trumpf immer gewesen sind. Wechselseitiger Respekt
dürften hier wichtig sein, nicht zuletzt in mittelständischen Unternehmen keinesfalls immer
selbstverständlich. Nicola Leibinger-Kammüller verdankt ihre Vorsitz-Position also nicht einer
Quotenregel, von der sie im Übrigen auch generell nicht viel hält. Sie ist keine Quotilde, wie die
Süddeutsche Zeitung seinerzeit schrieb. Nach ihrer Auffassung sollten und können sich Frauen
in unserer Gesellschaft eigenständig durchsetzen und sind dann auch gefestigter in ihrem
Selbstverständnis. Zusammengefasst ist es der klugen Unternehmensleitung von Trumpf
gelungen, Standorttreue und weltweite Präsenz zu verbinden mit dem Fokus auf Qualität und
Stabilität, auf Arbeitsplätze und Ausbildung, auf Forschung und Innovation und dies alles, ganz
wichtig, eingebunden in eine verlässliche ethische Wertorientierung.
Eng hiermit verbunden ist darüber hinaus unsere Preisträgerin als unüberhörbare, kritische aber
auch ermutigende Stimme der für unser Land so wichtigen bis zu drei Millionen
Familienunternehmen vernehmbar. Sie sieht über das Eigene hinaus immer auch das Ganze. So
eindringlich ist ihr unermüdliches Plädoyer, ja ihr Weckruf, sich politisch wieder zu besinnen
auf die Stärken der sozialen Marktwirtschaft, um notwendige Freiräume und Rückenwind für
unsere Unternehmen und Betriebe zurückzugewinnen, damit diese ihren Leistungswillen, ihre
Fähigkeiten, ihren Erfindungsreichtum wieder voll entfalten können; für die eigene Zukunft in
Deutschland, aber gleichzeitig vor allem auch dafür, dass endlich wirtschaftliches Wachstum
bei uns neu in Schwung kommt; zur Sicherung unseres freiheitlichen, demokratischen, sozialen
Zusammenhalts, auch für den Wohlstand der nächsten Generationen. Frau
Leibinger-Kammüller wagt sich immer wieder authentisch und mit klaren Botschaften nach
vorn, wo viele andere Leute der Wirtschaft öffentlich in Deckung bleiben. Sie wirbt nicht
zuletzt für erneuertes Vertrauen zwischen Politik und Wirtschaft, um mehr wechselseitiges
Verständnis und Konsequenzen daraus, was nur mit wahrhaftigen Persönlichkeiten auf beiden
Seiten gelingen wird.
Und da ist die weltoffene Bürgerin Nicola Leibinger-Kammüller, geboren in den USA, wie
schon gesagt, die promovierte Philologin, zuvor Studentin der Germanistik und Japanologie, die
mit ihrem Mann tatsächlich auch einige Jahre in Japan gelebt hat. Daher vielleicht auch ihr Sinn
für eine im rechten Augenblick aufblitzende sympathische Strenge, für Stil und Takt, meist
gepaart mit einer zwar augenzwinkernden, aber doch unmissverständlichen Mimik. Ihre
Überzeugungen sind verankert im Humanismus, in der Aufklärung, im reformatorisch
geprägten christlichen Glauben. Bei allem ist sie zutiefst bodenständig und heimattreu
geblieben. Das heißt für sie schwäbisch. Wir werden es sicher bei ihrer folgenden Ansprache
unverkennbar, aber dennoch verständlich vernehmen. Einher geht diese Verbundenheit mit
ihrer Freude an der Poesie, wovon das Schwabenland mit seinen Dichtern von Hölderlin bis
Schiller besonders viel zu bieten hat. Unsere Preisträgerin ist Vorstandsvorsitzende des
Deutschen Literaturarchivs Marbach, wo Friedrich Schiller geboren wurde. Sein Freiheitstreben
mag für sie eine Wegweisung geworden sein, bis hin zu der Besorgnis um die
Schutzbedürftigkeit persönlicher Freiheit in Frieden und Verantwortung angesichts der
massiven inneren und äußeren Gefährdungen unserer Zeit. Frau Leibinger-Kammüller sträubt
sich immer wieder gegen die vermeintliche Allmacht des Staates. Sie setzt auf die Kraft der
Menschen, die aber politisch auch gehört und beachtet werden wollen. Sie verachtet alles
Radikale. Sie steht für Prinzipientreue und praktische Vernunft, geradezu wohltuend in unserer
heute oft ungehemmt ausufernden medialen Debattenkultur. Vergessen darf ich an dieser Stelle
schließlich nicht den fortwährenden tatkräftigen Einsatz unserer Preisträgerin für Bildung,
Wissenschaft, Forschung, Kultur und Soziales, insbesondere als Vizepräsidentin des
Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und als Mitglied des Senats der
Max-Planck-Gesellschaft sowie über die familieneigene Berthold Leibinger-Stiftung.
Und jetzt zurück zu Benedikt von Nursia. Hier muss und darf ich hoffentlich etwas persönlich
werden, als langjähriger Freund, liebe Nicola. Als evangelische Christin hält sich deine
Begeisterung für katholische Heilige in Grenzen. Aber du kennst die Brücke für dich heute.
Benedikt ist ein Heiliger der damals noch ungeteilten Christenheit. Heilig, also „sanctus“,
bedeutet bekanntlich im Ursprung so viel wie „Gott geweiht“. Den Glauben an Wunder braucht
es hier nicht unbedingt. Und „katholisch“ aus dem Griechischen meint „allumfassend“, wie wir
alle wissen. So mögest du doch versöhnlich gestimmt sein im Zugang zu diesem Patron
Europas, wie er später von Papst Paul VI. genannt wurde.
Ich selbst habe im Augenblick meiner Ernennung zum Laudator von Benedikt weitaus weniger
gewusst als von Nicola. So bin ich tatsächlich alsbald zu dem für mich gut erreichbaren
Benediktinerkloster Gerleve westlich von Münster gefahren, um bei einer festlichen Vesper
Einkehr zu halten zu meiner Vorbereitung. Und ich bin auf Bezüge gestoßen zu Worten, die
dem heutigen Preis innewohnen könnten. Ich habe die Bezüge nicht in den Benediktusregeln
gesucht, weil unsere Preisträgerin ja gegen Bürokratismus streitet, sondern ich habe sie in den
maßgeblichen Erzählungen von Papst Gregor über Benedikt gefunden, so zu Demut und
Bescheidenheit: Bei Gregor ist Benedikt groß, weil er sich selbst nicht groß machen muss. Oder
zu Tatkraft aus dem Glauben: Bei Gregor ist das Gebet Benedikts kein Rückzug aus der
Wirklichkeit, sondern führt zum Handeln. Verantwortung nimmt Benedikt in den
Schilderungen nicht, weil er sie sucht, sondern weil Menschen sie ihm anvertrauen. Und
schließlich die Glaubwürdigkeit: Bei Gregor heißt es: Benedikt konnte gar nichts anderes lehren
als er lebte.
Diese Tugenden dürften auch mit relevant gewesen sein für die Entscheidung, wer heute mit
dem Benedikt-Preis ausgezeichnet wird. Und zum Schluss noch ganz persönlich: Das
Wichtigste im Leben von Nicola und ihrem Mann Matthias Kammüller ist die Familie, sind ihre
vier Kinder, Schwiegerkinder, mit den inzwischen schon fünf Enkelkindern, die sie innig
lieben. Jedes Kind entscheidet sich frei für seinen Lebensweg, aber die Werte des Herzens
haben Mutter und Vater ihnen mitgegeben. Hinzu kommt der große, aber doch auch enge
persönliche Freundeskreis aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, dem Nicola bei
aller Belastung über all die Jahre so großherzig treu bleibt, wie wir uns das nicht schöner
vorstellen könnten. Kein Geburtstag wird vergessen, jedes Geschenk ist einfühlsam ausgewählt,
immer mit persönlichen Worten zugeleitet. Ein wohltuender treuer Mensch wird heute geehrt.
Ich danke Ihnen allen dafür, dass Sie zu dieser Preisverleihung gekommen sind. Sie ehren damit
nicht nur die Preisträgerin, sondern auch den Preis selbst. Dem Verein Benedikt-Preis von
Mönchengladbach und der Stadt Mönchengladbach danke ich vielmals dafür, dass Sie dieser
Auszeichnung besonderer gesellschaftlicher Vorbilder einen so wahrnehmbaren Stellenwert
verschafft haben. Das ist wichtig für Orientierung und Zuversicht in unserer stürmischen Zeit.
Ich beglückwünsche das Kuratorium, die Jury zu ihrer Entscheidung für die Preisverleihung
dieses Jahres. Sie haben eine Persönlichkeit mit Haltung und Ausstrahlung ausgewählt, für die
der Benedikt-Preis als Zeichen der Anerkennung, der Dankbarkeit und der weiteren Ermutigung
wie geschaffen ist. Vor allem aber gratuliere ich Frau Professor Dr. Nicola
Leibinger-Kammüller zur Auszeichnung mit dem Benedikt-Preis von Mönchengladbach 2026,
den sie so würdig erhält und mehr als verdient hat.